Spät abends fahren wir zum Berg der Schmetterlinge, da wir bei Sonnenaufgang auf dem Berg sein wollen um die einzigartige Atmosphäre zu erleben.
 
Das gleichmäßige Dreieck des Adam‘s Peak auf Sri Lanka übt eine magische Anziehungskraft auf Gläubige aller Weltreligionen aus - und einmal jährlich auf Millionen altersschwacher Insekten.
 
Aus allen Ecken der Insel kommen sie herbei, wie von einem Magneten in die Bergregion im Südwesten Sri Lankas gezogen. Überqueren sanft geschwungene Teeplantagen, von denen sich die leuchtenden Saris der Pflückerinnen als bunte Farbtupfer abzeichnen, ziehen vorbei an tosenden Wasserfällen und nebelverhangenen Tälern. Sie lassen die Wälder hinter sich, in denen Leoparden, Wildschweine und Schakale lauern, um endlich die Hänge eines markanten, dreieckigen Berges zu erreichen.
 
Eine wissenschaftliche Erklärung für den alljährlichen Schmetterlingsflug, der nur kurze Zeit dauert, gibt es nicht. Der Zeitpunkt allerdings liegt stets in der Wallfahrtsaison, also zwischen dem Dezember-Vollmond und dem Vollmond im Mai, der als Tag der Geburt Buddhas gilt.
 
Doch auch auf seine menschlichen Besucher übt der 2.234 Meter hohe Adam‘s Peak eine einzigartige Anziehungskraft aus: Allen vier großen Glaubensrichtungen Sri Lankas gilt der heilige Berg als wichtiges Pilgerziel. Für die Buddhisten, die etwa 70 Prozent der Bevölkerung ausmachen, ist es der Sri Pada, wo Buddha während seines dritten und letzten Besuchs der Insel seinen Fußabdruck hinterließ. Die Hindus nennen den Berg Shivan Adi Patham, "Schöpfungstanz Shivas". Sie glauben, dass der Gott Shiva den Felsen prägte, als er tanzend die Welt erschuf. Die Moslems schreiben die Spur dem Propheten Adam zu: Um den Schrecken der Vertreibung aus dem Paradies abzumildern, wählte Gott für Adam den Platz auf Erden aus, der dem Garten Eden am nächsten kam - Adam‘s Peak. Die Christen schließlich erkennen in der Vertiefung den Fußabdruck des heiligen Apostels Thomas, der das Christentum 50 vor Christus nach Südindien brachte.
 
Mussten die Wallfahrer früher bei Nacht im flackernden Fackellicht den Weg finden, so ziehen sich heute elektrische Lichter zickzackförmig den Berg hinauf, bis sie schließlich eine fast senkrechte Linie zum Gipfel bilden. Diese Beleuchtung verdanken die Pilger einem Minister, der hier vor über 50 Jahren ein Gelübde ablegte: Er ließ das Licht anbringen, nachdem ein Staudamm in der von ihm gewünschten Zeit fertig gestellt worden war.
 
Die meisten Inselbesucher wählen die kürzeste der möglichen Wanderstrecken - den immer noch mühsamen sieben Kilometer langen Weg, der an der Teeplantage von Dalhousie beginnt. Sie lassen das quirlige Treiben der Teeläden und Buden hinter sich, an denen eifrige Händler wärmende Mützen, indische Süßigkeiten, Reismehl- und Linsenpfannkuchen, Kopfschmerzmittel und Opfergaben feilbieten. Nach kurzer Zeit erreichen sie eine rituelle Badestätte. Hier waschen sich Pilger in dem eiskalten Bergwasser oder putzen sich sogar die Zähne, bevor sie durch ein großes Tor schreiten. Immer wieder sieht man kleine Gedenkstätten mit Statuen, die Buddha oder den hinduistischen Elefantengott Ganesha darstellen. Oft zieren Streifen aus weißem Stoff die Schreine - Pilger haben sie als Zeichen der Fürbitte oder des Dankes an die Götter festgebunden.
 
Trotz der eisigen Nachtluft sind viele Pilger dürftig bekleidet, einziges Zugeständnis an die Kälte ist häufig ein um Kopf und Schultern drapiertes weißes Tuch. Der Weg wird rasch mühsamer, und erst etwa vier Stunden oder 5.000 Stufen später werden sie den Gipfel erreicht haben - alte Menschen und kleine Kinder, Gebrechliche und Schwache, ganze Familien, gestärkt durch ihren Glauben. Immer wieder hört man Pilger, die religiöse Verse rezitieren und sich den Gruß "Karunavai" - Friede - zurufen. Entlang der Strecke haben private Anbieter, Freiwilligenorganisationen und der Buddhist Temple Trust, der die heilige Stätte verwaltet, Raststätten eingerichtet. Erschöpfte Pilger können hier mit ayurvedischem Balsam ihre schmerzenden Muskeln pflegen oder eine Tasse heißen Tee mit Milch schlürfen.
 
Überrascht beobachtet so mancher Reisende, wie an einer bestimmten Stelle buddhistische Pilger eine eingefädelte Nadel ins Gebüsch werfen - der Legende nach rastete hier Buddha, um einen Riss in seinem Gewand zu flicken. Etwa auf halber Strecke reinigen und erfrischen sich die Wallfahrer am Strom Seetha Gangula für die letzten Etappen. Kurz vor dem Gipfel, wo die Treppen eine fast senkrechte Leiter bilden, müssen sie in der Hochsaison manchmal bis zu einer halben Stunde warten.
 
Dann, endlich, ist das Ziel erreicht: Inbrünstig beten Gläubige an dem heiligen Fußabdruck, der von einem Tempel eingefasst wird. Sichtbar ist lediglich eine übergroße Replik, die den Originalfelsen mit seiner fußähnlichen Vertiefung überdeckt. Nach der Andacht läuten die Pilger eine Glocke - genau einmal für jeden Besuch. Häufig ist die Glocke ein Dutzend mal oder öfters zu hören, als Zeichen frommer Pilger, die immer wieder zu der heiligen Stätte kommen.
 
All diejenigen, die den Gipfel vor Sonnenaufgang erreichen, erwartet neben dem religiösen Verdienst noch eine besondere Belohnung: Wenn das Tageslicht langsam den Himmel verfärbt, die schwarze Nacht sich in blasses Gold, feuriges Orange und tiefes Rot verwandelt, schält sich wie von Zauberhand rundum das Bergpanorama aus der Dunkelheit. Dann, ganz plötzlich und nur für kurze Zeit, ist es zu sehen: Der kräftige, gleichmäßig dreieckige Schatten des heiligen Berges schiebt sich in der aufgehenden Sonne über die endlosen, waldbedeckten Hügeln - ein unvergleichliches Naturschauspiel, das wahrscheinlich von den Göttern selbst inszeniert ist.
 
Am Mittag des darauf folgenden Tages fahren wir wieder zurück in unser Gästehaus.